Strategie erleben im Produkt vor Ort

Die Strategie für eine Stadt oder Region steht. Und jetzt? Für uns Berater*innen ist das oft der Moment der Übergabe. Hinter den Kulissen passiert natürlich viel, um die Strategie in die Umsetzung zu bringen: Marketingpläne, Kommunikationskonzepte, Datenpflege. Alles wichtig. Aber:

Spürbar wird eine Strategie für Gäste in erster Linie im Produkt vor Ort.

Bei der Zimmergestaltung und beim Frühstück in der Unterkunft, bei der Stadtführung, beim Ausleihen eines Fahrrads, beim Besuch eines Museums oder Hofladens, beim abendlichen Essengehen… All diese Produkte werden von Gastgeber*innen, Gastronom*innen, Vereinen, Kultur- und Erlebnisanbieter*innen vor Ort gestaltet.

Mich beschäftigt deshalb die Frage: Wie bekommen wir die Strategie in die wirkliche Umsetzung vor Ort, wie bekommen wir die Akteur*innen mit ihren Produkten an Bord?

Die Strategie gibt die Richtung vor – und das möglichst klar.

Die gemeinsame Zielgruppe als Türöffner

Das Schöne an einem abgeschlossenen Strategieprozess: Es gibt eine Grundausrichtung für alle Angebote, vom Weingut über die Stadtführerin bis zum Hotel. Die gemeinsame Zielgruppe ist dabei greifbarer als jedes Leitbild. Über einen Menschen, der morgens nach dem regionalen Frühstück fragt und nachmittags lieber eine Keramik-Werkstatt besucht als ein Shopping-Outlet, kann jede*r sofort mitreden.

Damit Betriebe sich darauf einlassen, braucht es aber mehr als eine Einladung zur Strategieumsetzung: einen Mehrwert für ihr eigenes Geschäft. Das können konkrete Impulse für den eigenen Betrieb sein, aber auch der Austausch mit anderen und die Chance, Neues in der eigenen Region kennenzulernen. Die Strategie ist dabei der rote Faden, nicht der Tagesordnungspunkt.

Denkbare Formate: vom Barcamp bis zur Location-Besichtigung

Hier einmal ein paar Ideen, wie das konkret aussehen kann:

  • Zielgruppen-Barcamp: Offen für alle Akteur*innen. Die Teilnehmenden bringen ihre Themen selbst mit: „Wie wird mein Frühstück regionaler?“ oder „Wer hat Lust auf ein gemeinsames Paket?“ Die Zielgruppe gibt den Rahmen, die Inhalte entstehen vor Ort. Ideal als Auftakt zur Strategieumsetzung, um Energie und Beteiligung zu erzeugen und eigene Erfahrungen zu teilen. Meine Erfahrung dabei: Oft funktionieren gerade die kleinen, auf den ersten Blick abstrusen Themen besonders gut. Ebenso ehrliche Einblicke in Fails, aus denen andere lernen können. Wie ein Barcamp gelingt, habe ich in meinem Praxisguide Barcamps zusammengefasst.
  • Persona-Spaziergang: Eine Gruppe erkundet den Ort aus Sicht der Zielgruppe. Wo würde diese einkehren? Was würde sie fotografieren? Was fehlt ihr? Draußen gelingt dieser Perspektivwechsel viel leichter als im Seminarraum. Und macht die Bedürfnisse der Zielgruppe noch einmal deutlich greifbarer. Am Kiebitzsee in Falkenberg/Elster haben wir genau das gemacht: erst im Raum an der Wand erarbeitet, dann vor Ort genauer hingeschaut und hinterfragt.

Die Strategie ebnet den Weg für die Umsetzung

  • Produktwerkstatt: Kleine, gemischte Gruppen entwickeln konkrete Angebotsideen für die Zielgruppe, als Prototyp zum Anfassen, mit Kreativmethoden statt nur mit Post-its. Was passt, kann anschließend direkt im echten Betrieb getestet werden.
  • Kooperationsbörse: Betriebe, die sich gut ergänzen, werden gezielt zusammengebracht: das Weingut mit dem Fahrradverleih, das Museum mit dem Café im Ort. Kurze, moderierte Gesprächsrunden statt Zufallsbegegnung am Buffet.
  • Lernreise: Akteur*innen besuchen gemeinsam Betriebe, welche die Zielgruppe schon gut erreichen, egal ob in der eigenen Region oder auch darüber hinaus. Denn nichts überzeugt so sehr wie ein gutes Beispiel, das man selbst sehen, hören und schmecken kann. Und das auch noch von positiven Effekten wie besseren Bewertungen oder gesteigertem Umsatz erzählt.
  • Individueller Location-Check: Gemeinsam geht es durchs Haus, durch den Garten, über den Hof, immer mit der Brille der Zielgruppe. Wo passt es schon? Wo steckt ungenutztes Potenzial? Was ließe sich mit wenig Aufwand verändern? Ein perfektes und sehr individuelles Format für Betriebe, die tiefer einsteigen wollen. Als wir vor einigen Jahren gemeinsam mit dem Team durch die Tourist-Information in Dornum gegangen sind, wurde sehr schön deutlich: Vieles nehmen wir im Alltag gar nicht mehr wahr, weil wir ständig daran vorbeilaufen. Da hilft es, mal ganz bewusst hinzuschauen und sich zu fragen: „Warum ist das eigentlich so? Und muss das so sein?“

Was gute Formate gemeinsam haben

So unterschiedlich die Formate sind, ein paar Zutaten tauchen immer wieder auf:

  • Die Zielgruppe wird lebendig: Nicht einfach ein Milieu-Steckbrief zum Abnicken, sondern ein echter Mensch, über den man reden und streiten kann.
  • Raus aus dem Seminarraum: Orte, die man selbst mit allen Sinnen erleben kann, inspirieren stärker. Mehr dazu in meinem Beitrag bei Realizing Progress: Workshops in anders: Raus aus dem Workshopraum.
  • Die Betriebe sind die Expert*innen: Sie kennen ihre Gäste. Gute Formate holen dieses Wissen ab und schaffen Raum für Austausch und das Teilen von Erfahrungen.
  • Ein nächster Schritt ist sichtbar: Jede*r geht mit einer Idee, einem Kontakt oder einer Verabredung nach Hause. Die Frage „Was machst du morgen anders?“ ist der zentrale Abschluss.
  • Es bleibt nicht beim einen Termin: Die Formate lassen sich wie Bausteine miteinander kombinieren, beispielsweise vom Barcamp über gemeinsames Prototyping und eine Lernreise bis hin zur individuellen Begleitung danach.

Wenn du gerade an dem Punkt stehst, dass deine Strategie fertig ist, aber noch nicht in den Produkten vor Ort erlebbar: Ich denke gerne mit, vom einzelnen Format bis zum ganzen Baukasten. In gemeinsamen Runden mit Museen und Tierparks, mit Tourist-Informationen und Naturparkmitarbeiter*innen, mit Unterkünften und Gastronomie.

Teile diesen Beitrag:

Das könnte dich auch interessieren:

Ich bin Kristine Honig. Ich begleite lokale und regionale Tourismusorganisationen dabei, Strategien zu erarbeiten, sie verständlich zu machen und in konkrete, gemeinsam getragene Schritte zu übersetzen. Auf diesem Blog teile ich praktische Impulse, Methoden und Beobachtungen rund um Strategie, Umsetzung, Barcamps und Kommunikation. Mehr über mich · Meine Beratungstätigkeit bei Realizing Progress

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert