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Kunst außerhalb von Museen: Wie Kultur öffentliche Räume verändert

Kunst im Museum wird betrachtet. Kunst im öffentlichen Raum begegnet dir – auf dem Weg zur Arbeit, beim Spaziergang, ganz ohne Eintrittskarte und ohne dass du dich dafür entscheiden musstest. Genau das macht für mich ihren besonderen Wert aus: Sie lenkt den Blick auf Orte, an denen man sonst achtlos vorbeigeht. Sie schafft Gesprächsanlässe zwischen Menschen, die sich sonst nicht miteinander ausgetauscht hätten. Sie verändert vertraute Wege, indem sie ihnen eine neue Ebene hinzufügt. Und sie kann Identität sichtbar machen, ohne alles erklären zu müssen.

Diese Wirkungen sind mir in den letzten Jahren an ganz unterschiedlichen Orten begegnet. Ein paar davon möchte ich hier zeigen.

Skulpturen von Thomas Röthel in der Bonner Rheinaue

Die großformatigen Metallskulpturen von Thomas Röthel sind in der Rheinaue in die Landschaft eingebettet, gelegen unweit des Post Towers, organisiert von der Galerie Geißler-Bentler aus Bonn und unterstützt von der Deutschen Post. Hier steht nicht das einzelne Kunstwerk im Zentrum, sondern das Zusammenspiel aus Skulpturen und Landschaft. Und auch aus Geschichte, denn es wird bewusst auf starke Sichtachsen zwischen den Skulpturen und dem Langen Eugen oder dem Post Tower gesetzt.

Die Skulpturen werden so ein Teil der Rheinaue, welche ohnehin schon ein Anziehungspunkt für Einheimische und Gäste der Region ist. Der Naturraum wird durch sie ergänzt. Ursprünglich war die weitläufige Ausstellung nur für ein paar Monate geplant – mittlerweile steht sie bereits seit mehreren Jahren. Und wenn es nach mir ginge, könnte sie sehr, sehr gerne um noch viele weitere Jahre verlängert werden.

Übrigens auch ein perfektes Beispiel dafür, wie ein Unternehmen wie die Deutsche Post den öffentlichen Raum mitgestalten kann, ohne ihn für sich selbst zu vereinnahmen.

Street Art und Graffiti in Bologna

In Bologna erlebte ich eine ganz andere Form von Kunst im öffentlichen Raum: weniger kuratiert, dafür umso lebendiger. Street Art und Graffiti prägen dort ganze Viertel und erzählen von den Menschen, die dort leben, ohne dass es eine offizielle Erklärung dazu bräuchte.

Und ja, auch Abnutzung und Verfall sind am Ende Bestandteile dieser Präsentation.

 

Was ich besonders mochte: Graffiti auf den Rollläden von Geschäften: Sind die Geschäfte geöffnet und die Rollläden oben, siehst du ins Geschäft oder in die Bar hinein. Sind die Geschäfte geschlossen, zeugen die Graffiti von dem, was hinter den geschlossenen Toren liegt. Statt leerer, dunkler Flächen gibt es jede Menge Farbe. Und vielleicht bei der ein oder anderen Gestaltung auch ein Lächeln.

Diese Form der Kunst braucht keine Institution, die sie legitimiert – sie entsteht aus der Stadtgesellschaft selbst heraus und macht sichtbar, wofür ein Viertel steht.

Kulturufer Bingen: wenn Kunst nicht stört, sondern ergänzt

Vor zwei Jahren verbrachte ich mehrere Tage in Bingen am Rhein. Das dortige Kulturufer wurde 2008 im Rahmen der damaligen Landesgartenschau neu gestaltet. Und ich liebte es!

Kunst, Gartengestaltung und Stadtgeschichte sind hier ganz eng miteinander verknüpft und gehen ganz selbstverständlich ineinander über. Sie ergänzen sich, ohne sich gegenseitig zu stören. Gefühlt werden hierdurch zugleich unterschiedliche Zielgruppen angesprochen: meine Eltern würden die kleinen Gartenanlagen lieben, während ich eher bei den Skulpturen hängenblieb. Das eine nimmt dem anderen allerdings nichts weg, es steht gleichwertig nebeneinander.

Alle drei Jahre gibt es außerdem eine Skulpturen-Triennale, zu welcher zahlreiche Skulpturen am Ufer sowie in der Stadt neu platziert werden. Mindestens alle drei Jahre gibt es somit einen neuen Anlass für einen Stadtbesuch in Bingen am Rhein – schließlich sieht die Stadt dann anders aus als noch beim letzten Mal.

Biennale in Venedig: Kultur in Perfektion

In diesem Jahr war ich das erste Mal bei der Kunstbiennale in Venedig. Einen Tag streifte ich durch die Länderpavillons in den Giardini, einen Tag durch die Länderpavillons in den früheren Werkshallen im Arsenale und einen dritten Tag ging es kreuz und quer durch die Stadt. Wenn du an moderner Kunst interessiert bist, ist das ein absoluter Tipp. Das Ganze ist einfach unglaublich beeindruckend und überwältigend.

Jeder einzelne Tag hatte dabei für mich seine eigenen Besonderheiten. Hier möchte ich allerdings den dritten hervorheben. Was mich hier besonders faszinierte: all die geöffneten und mit-genutzten Kirchen, Museen, Gemeindezentren und Palazzi in der Stadt selbst. Zum einen bekommst du als Gast der Stadt die Möglichkeit, einmal hinter Türen zu blicken, die sonst geschlossen sind. Zum anderen eröffnen sich dir noch einmal ganz andere Kunst-Perspektiven im direkten Zusammenspiel mit der Stadt Venedig und ihrer Architektur. Und der Weg von einer Ausstellungslocation zur nächsten führt einen ebenso durch die Stadt selbst – allerdings nicht unbedingt auf den Hauptwegen. Eine gute Möglichkeit also, Venedig selbst besser kennenzulernen.

Was all diese Orte gemeinsam haben

So unterschiedlich diese Beispiele sind – eine unternehmensgetragene Einbettung in der Rheinaue, selbstorganisierte Street Art in Bologna, unaufdringliche Kunst in Bingen oder Kunstpräsentationen an ungewöhnlichen Orten in Venedig – sie alle zeigen, dass Kunst im öffentlichen Raum kein Zusatz ist, sondern Teil dessen, wie ein Ort funktioniert und wahrgenommen wird. Sie muss nicht laut sein, um zu wirken. Manchmal reicht es, dass sie einfach da ist, damit man einen vertrauten Weg mit anderen Augen geht.

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